08 Jun 2011 @ 5:12 AM 

Es gibt Aufgaben, die man besser aufgeben sollte. Zum Beispiel die, bei denen man sich aufgibt. (Else Pannek, 1932-2010)
Wenn ich etwas in meiner Zeit in Togo gelernt habe, dann ist es wohl gerade dieses. In meinem letzten Blog-Artikel habe ich den Umgang mit Andersartigkeit in Togo beschrieben, vielleicht ist dem einen oder anderem beim Lesen aufgefallen, dass mir fiel an diesem Thema lag und auch immer noch liegt.
Aus vielen unterschiedlichen Gründen litt ich in Togo darunter, dass Weiße für den Großteil der Bevölkerung immer “Yovos” bleiben, leben sie auch noch so lange in diesem Land und versuchen sie auch noch so sehr, sich zu integrieren. Ich bin zugegebenermaßen ein wenig zu idealistisch,  naiv und wohl auch kulturimperialistisch an die ganze Sache herangegeangen. Warum sollte das Wort “Diskriminierung” in Togo genau die gleiche Bedeutung wie in Deutschland haben? Wenn jeder in einem System damit einverstanden ist, Merkmale anderer hervorzuheben und eventuell selber hervorgehoben zu werden, warum sollte es denn weniger ein Recht auf Existenz haben als unser versucht egalitäres System?
Dennoch ist mit mir klar geworden, dass ich dabei war, mich selbst aufzugeben, je länger ich in Togo blieb, weil ich nicht fähig war, mein Ideal der Gleichberechtigung aufzugeben, zu wandeln oder anzupassen und trotzdem meinen Dienst fortführte. Das war nicht richtig.

So habe ich mich vor kurzem entschlossen, meinen Freiwilligendienst in Togo zu beenden und neue Pläne für die Zukunft zu schmieden. Mittlerweile arbeite ich zusammen mit meinem Freund Max, der ebenfalls weltwärts-Freiwilliger ist, in Kenia in einem Farmprojekt für Sraßen- und Slumjungs und fühle mich wohl dabei.
Trotz der teilweise für mich sehr schwierigen Zeit in Togo, bin ich unglaublich dankbar für die Erfahrungen, die ich dort machen durfte.
Durch meinen Projektpartner Colin habe ich gelernt, dass Teamarbeit auch Spaß machen kann, meine WG hat mir gezeigt, dass ein WG-Leben nicht nur notdürftig sondern auch richtig gut funktionieren kann. Ich habe natürlich viel über Togo und seine Menschen gelernt und versucht, die Entwicklungslandproblematik, besser zu verstehen, was mir ein wenig gelungen ist. Durch meine Reisen nach Kenia und Ghana  bin ich nun auch endgültig frei davon, von Afrika wie von einem Land sprechen zu müssen, was mir von Anfang an ein sehr hohes Anliegen war. Ich habe gesehen, wie unterschiedlich die einzelnen Länder Afrikas sein können, selbst wenn sie benachbart sind. Diese Erfahrungen haben in mir die Reise- und “Begreifenslust” geweckt. Die Arbeit mit den Kindern trotz Enttäuschungen und anderen negativen Erfahrungen unglaublich schön und lehrreich und ich habe sie nur schweren Herzens verlassen können und hoffe, sie können mir mein Wegbleiben verzeihen.
Ein hohes Maß an dankenswerter Selbsterfahrung ließ sich in der Zeit natürlich auch nicht vermeiden. Ich würde sagen, ich habe ein wenig an Idealismus verloren, manch weiser Mensch nennt das “Erwachsenwerden”. Und so bin ich am Ende sehr froh über meinen Dienst und würde ihn trotz aller Kritiken, die es am weltwärts-Programm gibt, weiterempfehlen.
Wer trotz meines Abbruchs weiterhin spenden möchte, darf das gerne tun, die Gelder finden weiterhin gute Verwendung. Wer seinen Dauerauftrag beendet, möge mir jedoch bitte kurz Bescheid geben.
Vielen Dank für die mentale und finanzielle Unterstützung an Freunde, Familie und Bekannte. Wer wissen möchte, wie es mir weiterhin ergeht, kann mir mailen oder bei “Max in Kenia” vorbeischauen, wo ich auch ab und an bloggen werde.
Liebe Grüße
Eure Sarah

Posted By: Sarah
Last Edit: 08 Jun 2011 @ 05:12 AM

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 24 Mrz 2011 @ 12:52 PM 

Dimensionen interkulturellen Verständnisses

In diesem Blog-Artikel soll es um ein Thema gehen, dass mich die letzten Monate sehr, mittlerweile immer stärker beschäftigt: Der Umgang mit (sichtbarer) Andersartigkeit in Togo, aber auch in Deutschland. Dieser Artikel wird höchst subjektiv und höchst kontrovers sein und ich freue mich auch über gegensätzliche Meinungen dazu.

Wir betrachten Menschen als anders, wenn sie sich durch irgendein gewolltes oder ungewolltes Merkmal deutlich vom Großteil der Bevölkerung unterscheiden. Welche Merkmale können das in Deutschland sein?

Die Hautfarbe, geistige oder körperliche Behinderungen, Homosexualität, Angehörigkeit zu anderen Religionen als zum Christentum, Armut, psychische Krankheiten, Alkohol- oder Drogenabhängigkeit, um nur einige wenige zu nennen.

Wie wird aus meiner Sicht allgemein mit diesen Menschen in Deutschland umgegangen?

Aufgrund Deutschlands allgemein bekannter NS-Geschichte herrscht besonders auf politischer Ebene eine äußerste Sensibilität im Umgang mit Andersartigkeit, so wurde beispielsweise vor nicht allzu langer Zeit ein Anti-Diskriminierungsgesetz eingeführt.

Schon bei der Kindererziehung wird auf die Entwicklung dieses Bewusstseins wertgelegt. Welches Kind hat den Spruch „Schau den nicht so an!“ oder „Man zeigt nicht mit den Finger auf andere!“ oder „Zeigst du mit dem Finger auf andere, zeigen auch immer drei Finger auf dich selbst!“ nicht gehört?

Spätestens mit dem Beginn der Schulzeit und außerschulischen Engagement und darauf folgenden FSJ oder Freiwilligendiensten, haben sehr viele Menschen begriffen, dass es schwer ist für das Wort „normal“ eine Definition zu finden; was ist schon normal? Die NS-Geschichte wird in der weiterführenden Schule jedes Jahr aufs Neue aufgearbeitet, nebenher wird ein besonderer Schwerpunkt auf die Französische Revolution und die Erklärung der Menschenrechte gelegt, dazu Lektüre wie „Animal Farm“ oder „The Wave“.  Die Gleichheit aller Menschen wird ständig betont, es wird stets zur Reflektion des eigenen Verhaltens im Bezug auf dieses Thema aufgefordert.

Tatsächlich herrschen eine große Akzeptanz von und sogar der Wunsch nach Vielfältigkeit in der Bevölkerung, vor allem in Großstädten. Jugendliche streben häufig sogar danach, ihr besonderes Wesen zu unterstreichen; es entstehen Trends wie das Emo- oder Krocher-Dasein.

Diejenigen, die sich stolz auf ihre diskriminierende oder gar rassistische Einstellung zeigen, werden in Deutschland scharf verurteilt. So findet beispielsweise keine Nazi-Demo ohne eine noch größere Gegendemo statt.

Dennoch herrschen auch bei uns latente Vorurteile gegen manche Bevölkerungsgruppen wie gegen Menschen türkischer oder arabischer Herkunft. Deshalb gibt es eine steigende Zahl staatlicher und privater Förderprogramme zur Integration ausländischer Mitbürger wie z.B. START oder Talent im Land.

Insgesamt wird die Vielfalt in Deutschland durch die Regierung sehr gefördert, weil die Überzeugung besteht, dass aus Vielfalt Potenzial erwächst. Durch Erziehung zu Toleranz und ständiger Reflexion u.a. aufgrund unserer Geschichte herrscht eine große Akzeptanz innerhalb der Bevölkerung. Dennoch existieren intolerante Gruppen wie Nazis oder aber positiver Rassismus/Exotismus („Oh, ich will auch ein Schokobaby!“ /Verherrlichung von Obama als ersten schwarzen Präsidenten der USA).

Wie wird nach meiner Erfahrung in Togo mit diesem Thema umgegangen?

Welche „Exoten“ lassen sich in der togolesischen Bevölkerung finden?

Menschen anderer Herkunft (egal, ob Afrikaner oder Nicht-Afrikaner), Anhänger anderer Religionen als zu Christentum oder Islam, Invaliden, körperlich oder geistig Behinderte, Ablinos, Prostituierte…

Verzeiht mir die nun folgenden vielen Verallgemeinerungen, aber es stellt sich als ziemlich schwierig dar, anders über dieses Thema zu schreiben.

In Lomé wird die Beobachtung von Andersartigkeit zur Unterbrechung des oft trägen Alltagslebens genutzt. Auch die Kinder werden dazu erzogen, Andersartige hervorzuheben. So wird ihnen beigebracht, Weissen „Yovo yovo, bonsoir“ hinterherzurufen. Einem etwas dunklerer Europäer wird Dayovo oder Metiste, einem etwas helleren Togolosen Asigame Yovo hinterhergerufen. Albinos kriegen die Rufnamen „Weder schwarz noch weiß“ (aus Ewe übersetzt), der Einarmige „Mensch mit nur einem Arm“. Zumeist freuen sich die Togolesen sehr über Menschen europäischer oder amerikanischer Herkunft, weil sie die Hoffnung, dem Leben in Afrika zu entfliehen, wecken und allgemein mit ihrer weißen Hautfarbe als rein und schön gelten. Es herrscht also eine Art Exotismus gegen Weisse. Die andersartige Bevölkerung leidet unter der allgemeinen Ignoranz, weil den Menschen kaum die Reflexion des eigenen Verhaltens abverlangt wird.

Was mache ich, die als Europäerin in der togolesischen Bevölkerung offensichtlich als anders wahrgenommen wird?

Das Wichtigste: Verstehen, woher dieses Verhalten rührt. Denn interkulturelles Verständnis bedeutet nicht nur, sich mit Sprache, Essen und Traditionen eines Landes vertraut gemacht zu haben, sondern auch mit unangenehmen und Unverständnis auslösenden Dingen der Kultur umgehen zu können, sie weiterhin zu respektieren und nicht etwa die eigene Kultur über sie zu stellen. Im diesen Falle entspringt es aus Unwissenheit, die aber keinesfalls selbstverschuldet ist. Kaum ein Mensch in Togo hat die Möglichkeit seinen Horizont zu erweitern, das, was in Elternhaus, Schule und auf der Strasse unterrichtet wird, zu hinterfragen, indem er umherreist und sich in intellektuellen Kreisen bewegt, um über sein Verhalten zu reflektieren. Wozu auch? Es genügt, jeden Tag genügend Bananen zu verkaufen, um damit sich und Familie über Wasser zu halten.

Man kann also versuchen, das Verhalten der Menschen zu ignorieren, sie auszublenden, an guten Tagen auf sie zuzugehen und sie zurück zu grüßen. An Orten, die man häufig besucht, kann man sich mit den Menschen bekannt machen, ihnen sagen, man möchte beim Namen und nicht etwa Yovo gerufen werden.

Dennoch wird einem jeden Tag bewusst gemacht, dass man  nie ein Teil des Landes sein kann, immer Ausländer und etwas besonderes sein wird.  Da kann einen allein die Tatsache trösten, dass wir hier als Ausländer jeden Tag die Möglichkeiten haben, die unangenehme Szene zu verlassen; zurück in Deutschland ist man wieder normal und unauffällig. Wie aber steht es mit den Menschen, die bspw. mit Behinderungen ihr Leben lang gebrandmarkt sind und nicht einfach so die Szene wechseln und wieder glücklich in ihrer Haut sein können?

Die Erfahrung, die ich als deutsch-nigerianischer Mischling in Togo machen durfte/musste, hat mich sehr sensibel auf das Thema „Umgang mit Andersartigkeit“ gemacht und ich will in Zukunft noch mehr auf mein eigenes Verhalten in Deutschland achten.

Mit diesem etwas verspäteten Blog-Artikel beginnt die zweite Hälfte meines Freiwilligendienstes, der am 24.8.2011 enden wird.

Posted By: Sarah
Last Edit: 24 Mrz 2011 @ 12:52 PM

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 20 Feb 2011 @ 11:06 AM 

Weihnachten ist schon lange vorbei, mein Urlaub und das Seminar in Ghana auch, einer neuer Blog-Artikel laengst ueberfluessig.

Auf Reisen konnte ich nochmal viele neue Erfahrungen sammlen und vor allem die Situation in Ghana, direktes Nachbarland Togos, mit der hiesigen vergleichen. Die beiden Laender sind sich sehr aehnlich, was Essenskultur, Strassenstaende und –Maerkte, traditionelle Kleidung…anbelangt. Ein grosser Unterschied ist alllerdings, dass Ghana in seiner Entwicklung wesentlich weiter ist als Togo ist. Accra hat im Vergleich zu Lomé ein sehr gut ausgebautes Strassennetz. Es gibt Boutiquen, Restaurants, Supermaerkte in nicht zu kleiner Zahl ; dinge, die in Lomé nicht haeufig gesichtet werden koennen, weil sich bis auf die Weissen es kaum einer leisten kann, dort zu konsumieren.

Woran liegt es, dass Ghana so viel entwickelter ist als Togo ?

Dazu hoert man aus der Bevoelkerung beider Laender diese und jene Meinung: die Ghanaer sind im Gegensatz zu den Togoern ein hart arbeitendes Volk, das nicht nur redet sondern auch schafft; die Briten haben waehrend der Kolonialzeit versucht, moeglichst viele Strukturen aufzubauen, damit Ghana leichter in die Unabhaengigkeit gehen kann; Ghana verfuegt ueber viele Bodenschaetze und weiss diese durch Export und eigene Produktionen umzusetzen; die Wirtschaftspolitik Ghanas ist wesentlich weniger restriktiv als die Togos…

Es gibt so viele Meinungen dazu, in welchen Punkten Ghana entwickelter ist als Togo und warum, doch uns als Freiwilligen faellt es schwer ein Urteil darueber zu faellen, was wahr ist und was nicht, und wie die Situation Ghanas oder allein die Togos tatsaechlich zu bewerten ist, weil wir immer nur einen winzig kleinen Ausschnitt der Realitaet sehen.

Damit will ich zu einem Thema kommen, ueber das wir auch im Seminar, das fuer mich wirklich hilfreich war und zum richtigen Zeitpunkt kam, sehr viel disktutiert haben. 

Alle, die meinen Blog verfolgen, wissen im Groben, wie meine Umwelt, meine Projektarbeit und mein Alltag ausserhalb des Heims aussehen, kennen jedoch kaum mein Innenleben im Bezug auf das Leben in einem afrikanischen Entwicklungsland.

Als Frewilliger in einem Entwicklungsland und vielleicht vor allem als weltwaerts-Freiwilliger verfolgt einem jeden Tag das Bewusstsein der Sonderrolle als Europaeer.

Du bist stets von oeffentlichem Interesse, du wirst beobachtet, dein Verhalten bewertet. Fuer die Bevolkerung praesentierst du zumeist kein spezifisches Land, sondern einen ganzen Kontinent, wie Afrikaner bei uns haeufig auch nur Afrikaner sind. Wie gehe ich mit diesem Interesse und der grossen Verantwortung, die auf mir lastet, um, ohne mich mit meinen persoenlichen Interessen und Auffassungen voellig zurueckzustellen? Diese Frage muss ein weltwaerts-Freiwilliger jeden Tag im Grossen und im Kleinen fuer sich beantworten. Hier ein paar Beispiele.

Wie gehe ich mit meinen Geld um und den Moeglichkeiten, die sich daraus fuer mich ergeben, um?

Mit 175 Euro Verpflegungs- und Taschengeld gehoeren wir in Togo ganz klar zur Oberschicht. Das Gefuehl, sich etwas nicht leisten zu koennen, kommt hier sehr selten in einem auf. Die Bevoelkerung erwartet von dir, dass du viel Geld hast und dieses auch ausgibst. Willst du dieses Bild aufrechterhalten, vor allem, wenn du tagtaeglich diejenigen siehst, die mit sehr viel weniger auskommen muessen? Auf den Alltag bezogen kommen folgende Fragen auf: Ist die grosse, luxurioese Wohnung, die jeder weltwaerts-Freiwilliger hat, nicht voellig unnoetig und erweckt den Eindruck, wir wollten uns von der Bevoelkerung abschotten? Ist es ok, dass ich mir im Supermarkt, wohin kaum einer geht, Schokolade kaufe, obwohl ich mich auch mit dem zufrieden koennte, was der taegliche Strassenmarkt bietet?  Fahre ich mit dem Taxi zusammen mit eventuell sechs Mitfahrern in die Stadt oder lasse ich mich gemuetlich vom teuren Mototaxi befoerdern? Wie wirkt es auf die Nachbarn, wenn ich morgens um 5h vom Feiern heimkomme und mich schlafenlege, wo sie bereits dabei sind, Haus und Hof in Ordnung zu bringen? Gehe ich spasseshalber auf diese und jene Veranstaltung, obwohl ich zu Hause auch einfach ein Buch lesen koennte? Wasche und putze ich selber, so wie es sich gehoert, oder mache ich eine alte Frau gluecklich, indem ich sie fuer mich arbeiten lasse?

Als weltwaerts-Freiwillger hat man den Anspruch, seinen Lebensstandard so niedrig wie moeglich zu halten und will damit nur Gutes tun. Doch koennte nicht gerade das, anmassend auf die Bevoelkerung wirken? Eine moegliche Interpretation unseres gutgemeinten Verhaltens: “Die Weissen lassen sich fuer ein Jahr auf das Niveau der ach so armen Bevoelkerung herab, um danach in Europa zu ihrem Reichtum zurueckzukehren und sagen zu koennen: ‘Wir haben auch mal wie die gelebt!’”

Das war ein Teil der Gedanken, die man sich im Alltag so machen kann. Hinzu kommen Fragen wie: Sage ich jedem auf der Strasse hallo, nur weil es vom Weissen, der eine Attraktion ist, erwartet wird, oder gestehe ich mir zu, dass ich auch mal abschalten muss? Wie erkenne ich, wer mein Freund ist und wer nur Freund meines Geldes ist? Kann ich eine tatsaechliche Liebesbeziehung mit einem Togolesen eingehen?…

Da der Artikel nun schon wieder sehr lang ist, hoere ich auf, obwohl es noch viel mehr zu diesem Thema zu schreiben gaebe. Ihr koennt natuerlich wie immer nachfragen, wenn ihr Dinge genauer erfahren moechtet. Zuletzt moechte ich noch sagen, dass dieser Artikel nicht frei von Verallgemeinerungen ist; die Aussagen treffen dennoch nicht, auf jeden Togolesen und jeden Ghanaer und auch nicht auf jeden weltwaerts-Freiwilligen zu, bitte vergesst das nicht, wenn ihr mit Freunden und Bekannten ueber meine Artikal sprecht!

Achja, Bilder gibt es leider erstmal keine, weil mir meine Kamera gestohlen wurde… :(

Posted By: Sarah
Last Edit: 20 Feb 2011 @ 11:06 AM

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 04 Jan 2011 @ 1:16 PM 

Nein, ich will nicht lügen: Weihnachten am Strand zu verbringen, ist eine ziemlich schöne Angelegenheit. Noch schöner war es für Colin und mich, einmal aus der Rolle der Kinder in die der Glücklichmacher zu schlüpfen.

Am 1. Weihnachtstag haben wir die neun Jungs aus der Fondation und zwei Mädchen, die bei Madame Abitor selbst wohnen, bei uns zu Hause in Empfang genommen, um sie bei all dem Heimalltag ein bisschen Frischluft schnuppern zu lassen.

Das Wichtigste an diesem Tag war natürlich das Essen. Da diese Kinder doppelt so viel wie der togolesische Ottonormalbürger essen, haben wir Unmengen von Yamswurzeln, Rindfleisch, Obst und Gemüse zu Fufu mit Sesamsoße und Obstsalat verarbeitet. Ohne unsere Nachbarn wären dabei verloren gewesen, denn trotz der vielen Dinge die man in so einem Freiwilligendienst lernt: Yam zu Fufu stampfen kann immer noch keiner von uns. Auch Komi, ein Kind der Fondation (im orangen Muskelshirt), war uns keine geringe Hilfe!

Nach dem Essen wurde zu Madame Abitors Liedern getanzt und draußen geknallt (ist hier eigentlich auch bis zum 31. verboten, aber das interessiert keinen) bis zum ersten Teil der Bescherung, in der die Kinder Geschenke von Colins amerikanischer Gastmama auspacken durften. Schach, Dame, Jumbling Tower, Kniffel, ein Football, diese und jene Dinge über die sich wahrscheinlich alle Kinder auf der ganzen Welt freuen. Im zweiten Teil der Bescherung gab es ganz persönliche Geschenke von Colin und mir. Jedes Kind darf sich vom Schneider eine Robe bestehend aus Hemd mit Stickerei und passender Hose machen lassen. Dafür haben hat jeder sein eigenes high-quality Pagne (das sind die bunten Stoffe, mit denen hier alle rumlaufen) überreicht gekriegt, dazu ein paar Worte darüber, was ihn besonders macht. Alle waren gerührt, alle waren glücklich, besser hätte unser  Weihnachtsfest wirklich nicht verlaufen können! Nur David hatte schwer mit den Tränen zu kämpfen, weil wir gemeinsam mit Grand Frère beschlossen hatten, dass es für ihn kein Geschenk geben soll, um ihm zu zeigen, dass wir sein wiederholtes Abhauen keineswegs akzeptieren. Seit seiner Rückkehr vor 3 Wochen fällt es uns allen immer noch sehr schwer, normal mit ihm umzugehen. Wir sind enttäuscht von ihm, haben Angst uns wieder an ihn zu binden. Dennoch wollen wir versuchen, ihn wieder bei uns aufzunehmen und hoffen, dass er dieses Mal wirklich bei uns bleibt!

Wie hat der Rest Lomés Weihnachten verbracht? Natürlich in der Kirche! Am 24. bleibt man überlicherweise von abends bis zum Morgengrauen in seiner Gemeinde um zu beten, am 25. und 26. wird tagsüber gesungen und getanzt. Am 1. Weihnachtstag gibt es eventuell Geschenke für die Kinder, in jedem Falle aber wird die Familie zum Essen eingeladen. Manche Jugendliche nutzen Heiligabend für Diskobesuche und andere Parties, je nachdem wie liberal die Eltern sind.

Dieses Weihnachten war auf jeden Fall eine sehr schöne Erfahrung für alle Freiwilligen hier! Im Anhang folgen einige Bilder vom Fest in unserer schönen WG-Wohnung.

Der Artikel über das Leben in Lomé muss leider noch ein bisschen auf sich warten, weil ich vom 3.1. bis zum 27.1. im Urlaub und vom 1.2. bis 7.2. aufm VIA-Zwischenseminar in Ghana sein werde.

Vielen Dank an alle, die uns zu unserem Weihnachtsfest verholfen haben. Ich wünsche alle ein frohes neues Jahr 2011!

Bis bald

Eure Sarah

Posted By: Sarah
Last Edit: 04 Jan 2011 @ 01:16 PM

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 30 Nov 2010 @ 8:56 PM 

Die Tage ziehen an einem vorbei und man mag kaum glauben, dass wir VIA-Freiwillige jetzt schon 3 Monate in Togo sind und endlich sagen können, wir haben uns eingelebt, ein neues zu Hause gefunden, auch wenn die Gedanken das eine oder andere Mal sehnsüchtig zu Familie, Freunden und Vollkornbrot mit Camembert schweifen.

Seit meinem letzten Eintrag ist in der Fondation wieder einiges geschehen.

David, der uns gleich zweimal entlaufen ist, wurde vor etwa 3 Wochen von der Polizei wegen Diebstahls (Elektrogegenstände im Wert von 300.000 Francs CFA (~450€) in Gewahrsam genommen, kurz darauf aber wieder freigelassen. Jetzt treibt er weiterhin sein Unwesen in den Straßen Lomés; höchstwahrscheinlich zusammen mit Frédéric, meinem Lieblingskind, dass sich vor 2 Wochen mit einem Brief von uns verabschiedet hat. Er sei fort, man solle ihm nicht böse sein, er komme bald wieder. Grand Frère, Colin und ich haben uns auf dem Weg gemacht, ihn zu suchen – vergeblich. Noch haben wir die Hoffnung nicht aufgegeben, genau wie bei Patric, der etwa zurselben Zeit grundlos verschwunden ist.  Aber je länger die Kinder weg sind, desto weniger sehnen sie sich nach dem geregelten Leben im Heim ohne Computerspiele, Geld und Essen, das man nicht teilen muss.

Syssiphus-Arbeit könnte man das nennen: Ein neues Kind kommt ins Heim, man macht es mit den Regeln vertraut, lernt es besser kennen, lernt viel mit ihm für die Schule, verzeichnet erste Erfolge, schließt es ins und gewinnt es für sich; dann wenn man meint, dieses Kind bleibt gewiss, verlässt es das Heim – zumeist ohne große Worte. Aber das nächste Kind kommt gewiss. Dem Heim fehlt ein ausgebildeter Erzieher, der permanent da ist. Grand Frère ist äußerst kompetent und weiß mit den Kindern umzugehen, ist jedoch nur ehrenamtlich in der Fondation tätig, kommt für zwei, drei Stunden am Tag, manchmal auch gar nicht, sodass Colin und ich die meiste Zeit mit den Kindern alleine sind. Die meisten ihrer Probleme verstehen  wir aber nicht, weil sie sich untereinander nur auf Ewe unterhalten und streiten, und sich uns anvertrauen, wie sie sich Grand Frère anvertrauen, würden sie auch nicht. Das heißt wir spielen, albern, zanken und lernen mit den Kindern, ohne mitzubekommen, wo es Spannungen gibt, die ein Kind dazu bringen könnten zu verschwinden. Tatsächlich ist die Fondation Makafui das einzige Heim Lomés ohne Erzieher, aber das Geld Mme Abitors reicht nicht für alles. Für die Kinder würde ich mir wünschen, dass sich diese Situation irgendwann bessert.

Unser Heim-Programm, das seit 2 Monaten existiert, haben wir ein bisschen abgewandelt und verbessert. Colin gibt den Kindern jetzt regelmäßig PC-Unterricht an seinem Netbook, ich habe mit Deutschunterricht angefangen (wir lernen gerade „Anton aus Tirol“, Bild folgt).  Mit meinem Trommelprojekt geht es eher schleppend voran. Trommeln und alles sind seit Wochen besorgt und wir gehen 2 Mal die Woche aufs Terrain, um zu spielen, aber bisher haben sie sich geweigert, sich ein Stück von mir beibringen zu lassen. Sie improvisieren lieber oder spielen Sachen, die sie schon kennen. Dennoch bin ich mir sicher, dass ich sie in ein paar Monaten doch so weit gekriegt habe, denn immer wieder kommt das eine oder andere Kind zu mir und will wissen, wie denn noch gleich der Anfang meines Stückes war. Daraus lernt man, dass man geduldig sein muss, auch wenn man viele Ideen hat und hochmotiviert ist, etwas zu beginnen. Erst einmal zuschauen, dann erst Neues probieren. Eine gute Lektion!

Des Weiteren sind Colin und ich gerade dabei Partnerschaften mit unseren alten Schulen aufzubauen. Sie sollen auf Brief- und E-Mail-Kontakt basieren und vielleicht kann auch mal das eine oder andere Paket verschickt werden. Wir haben bereits potentielle Partner gefunden, sollte es noch weiteres Interesse geben, darf man sich sehr gerne bei mir melden! Das Ganze soll in einem lockeren Rahmen, völlig unverkrampft und wahrscheinlich beschränkt auf unser Jahr in Togo stattfinden.

Natürlich gibt es wie immer noch mehr zu erzählen, aber das hebe ich mir fürs nächste Mal auf. Noch diese Woche werde ich mehr Fotos hochladen und die Seite „Mein Projekt“ aktualisieren. Sorry, das ist schon längst überfällig!

Beim nächsten Mal wieder mehr über Lomé selbst, Trockenzeit, Weihnachtszeit, Arbeit, Nachtleben und co. Im Anhang gibt’s ein paar Bilder, irgendwelche Eindrücke , bevor ich noch ein paar Heimbilder reinstelle.

Ich wünsche allen frohe Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Posted By: Sarah
Last Edit: 30 Nov 2010 @ 08:56 PM

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 28 Okt 2010 @ 9:52 AM 

Langsam, aber allzu sicher setzt bei uns der Arbeitsalltag ein. Nur bisweilen gibt es Dinge, die einen  in großes Staunen versetzen und mich dazu bewegen, einen neuen Artikel zu schreiben, auch wenn es sonst nicht viel Neues zu berichten gibt.

In meinem letzten Artikel habe ich, glaube ich, von einem Jungen erzählt, der nach 2 Jahren Leben in der Fondation ohne erkennbaren Grund abgehauen ist. Er heißt David, ist etwa 13 Jahre alt, sehr intelligent und talentiert in vielerlei Hinsichten und wie fast alle anderen hier ein Strahlekind. Vor seiner Zeit in der Fondation hat er 2 Jahre auf der Straße verbracht, weil seine Mutter gestorben ist und sein Vater sich nicht um ihn gekümmert hat. Kein Junge im Heim, war so lange auf der Straße wie er, aber weil er sich schon so sehr an das geordnete Leben im Heim gewöhnt hatte, hätte ich bei ihm niemals gedacht, dass er eines Tages abhauen würde.

Nunja , zwei Wochen lang haben wir nichts von ihm gehört, aber irgendwie hatten wir die Hoffnung nicht aufgegeben, dass er zurückkommen würde. Ich habe es nicht einmal übers Herz gebracht, seinen Namen von der Punkteliste zu streichen, weil ich ihn so gerne mochte. Letzten Samstag ist Colin früh morgens mit den Älteren auf den Markt gegangen, um David zu suchen. Sie haben ihn gefunden, mit ihm geredet und ihn zurück zur Fondation gebracht. Das hat uns beide ziemlich berührt. Ich war etwa eine Viertelstunde mit David allein und hab ihn heulend gefragt, ob er diesmal bleiben will, ihm gesagt, dass ihm das Leben auf der Straße nicht viel bieten kann. Und er hat mir ebenfalls mit Tränen in den Augen und dem aufrichtigsten Gesichtsausdruck, den ich je gesehen habe, versprochen: „Maintenant je suis avec vous!“  Naja, man kann sich vorstellen, wie glücklich wir alle waren, vor allem Grand Frère, der sich viele Vorwürfe gemacht hat, weil er nicht gesehen hatte, dass David geplant hatte zu gehen. Zur Feier des Tages haben Colin und ich für die Kinder gekocht. Diesmal war am Ende sogar noch etwas übrig! Ein Glück!

Leider ist die Geschichte, wie man sich vielleicht denken kann, hier noch nicht zu Ende. Am Montag kamen die Kinder von der Schule und das erste was sie uns erzählten, war, dass David wieder gegangen ist. Diesmal hat er auch all seine Sachen mitgenommen. Grand Frère ist sich ziemlich sicher, dass er nur gekommen ist, um seine Sachen mitzunehmen und dass wir ihn nicht mehr wieder sehen werden. Ja, und wieder mal hab ich mich vom rührenden Anblick eines unschuldigen Straßenkindes täuschen lassen. Bisher hat mich hier noch nichts so sehr mitgenommen wie diese Geschichte, aber wer weiß, was noch alles kommt?

Und jetzt trotzdem ein bisschen was zum Leben außerhalb der Fondation.

Unsere WG ist eine Muster-WG, davon bin ich überzeugt! Wir haben einen Haushaltsplan, an den jeder sich hält; es wird gekocht, abgewaschen, gefegt, gewischt, geputzt. Ich habe festgestellt, dass das ziemlich wichtig ist. Denn wenn man sich in einer völlig fremden Umgebung nicht einmal zu Hause wohlfühlen kann, wird man sich niemals irgendwo einleben.

Unsere Wohnung ist ziemlich schön und gehört hier definitiv zu den teureren Plätzen Lomés. Wir haben eine wunderschöne Terasse und einen noch schöneren Blick vom Dach. Wir alle hätten uns auch mit weniger zufrieden gegeben, aber da wir nun hier wohnen… J In den ersten 5 Wochen in dieser Wohnung hat uns fast jeden Tag irgendein Handwerker besucht. Entweder der Schlosser, der Zimmermann, der Plombier oder der Elektriker, denn hier geht ständig etwas kaputt. Letztens stand ich in der Dusche und musste 10 Minuten lang ein Loch in der Wand zuhalten, aus dem mit ziemlich hohen Druck Wasser sprudelte, weil der angeklebte Duschhahn abgefallen ist. Solche Geschichten sind nichts Ungewohntes für uns, weswegen ich das Vorurteil, dass togolesisches Handwerk kein Handwerk von allzu hoher Qualität ist, nicht mehr aus meinem Kopf kriege. Aber alles ist nicht so schlimm, mit einem Lachen übersteht man alle Situation und danach erinnert man sich gern daran!

Vielleicht geht’s so auch der Isabel, die eine Woche lang wegen Malaria flachlag. Fieber, Schüttelfrost, Müdigkeit, Appetitlosigkeit, Durchfall, Erbrechen…klingt nach einem grippalen Infekt und ist tatsächlich auch nicht viel schlimmer. Mit vielen, vielen Medikamenten aus dem vertrauenswürdigen Krankenhaus von nebenan und noch mehr Ruhe und Schlaf, konnte sie sich ziemlich schnell wieder berappeln. Wir haben alle unsere Prophylaxe-Mittel abgesetzt bzw nie genommen,  weil deren Nebenwirkungen teilweise schlimmer sind als die Malaria selbst und deren Effektivität auch in Frage zu stellen ist. Es wird sicherlich keiner von uns verschont bleiben, aber irgendwie macht uns das nicht allzu viel aus.

Letztes Wochenende hatten wir unseren ersten richtigen WG-Ausflug. In Kpalimé wohnen zwei andere VIA-Freiwillige, mit denen wir gut befreundet sind und die uns zu sich eingeladen haben, um ihr Projekt (CAST, ein Kinderheim, das ziemlich viel Geld hat!) und die schönen Wasserfälle Kpalimés zu sehen. Es liegt etwa 2 Stunden nordwestlich von Lomé, mit dem Bus kommt man da ziemlich angenehm für etwa 7 Euro aller-retour hin. Im Vergleich zu Lomé ist Kpalimé klein und ländlich und für mich damit viel schöner als Lomé. Die Berge, die Natur, die frische Lust, die Unberührtheit, all das hat Lomé, nicht zu bieten. Es war so schön all das ein Wochenende lang genießen zu können. Vor allem unser Waldspaziergang mit dem Schmetterlingsmann war ziemlich faszinierend. Er heißt Prospère, hat ein Haus nahe an den Überbleibseln des Regenwaldes und malt ausschließlich mit Naturfarben. Er hat uns herumgeführt, alle möglichen Pflanzen, Schmetterlinge und Termitenhügel  gezeigt und danach sogar mit den Blättern der Indigo-Pflanze ein Bild für uns gemalt. Ziemlich beeindruckend!

So, das soll’s mal wieder von mir gewesen sein; ich melde mich, sobald es wieder Interessantes zu berichten gibt!

Posted By: Sarah
Last Edit: 31 Okt 2010 @ 07:15 PM

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 13 Okt 2010 @ 12:24 PM 

Ein selbsterarbeitetes Programm, Punktesystem, reifende Projektideen, so langsam schaffen wir uns unseren Platz in der Fondation.

Vor zwei Wochen haben Colin und ich zusammen mit Grand Frère ein Programm für die Kinder erarbeitet mit festen Zeiten fürs Essen, Spielen und vor allem Lernen. Ginge es lediglich um den Alltag, also essen, waschen, putzen, bräuchten die Kinder ein solches Programm nicht, denn sie sind wie gesagt äußerst selbstständig. Aber in letzter Zeit habe ich immer mehr begriffen, wie wichtig es ist, dass sie feste Zeiten zum Lernen haben, jemanden, der sie in die Schule bringt und mit ihnen Hausaufgaben und andere Lernaufgaben macht. Wenn die Kinder nicht in die Schule gehen, keine Hausaufgaben machen und lernen ist ihr Aufenthalt in der Fondation ziemlich sinnlos; denn – es klingt zwar hart, aber – TV gucken und Fußball spielen können sie auch auf der Straße. Vor allem dafür also das Programm, das Grand Frère ihnen eines Abends mit viel Nachdruck vorgestellt hat.

Es besagt, dass die Jungs direkt nach der Schule 1 ½ Stunden lernen, wofür wir ihnen immer Aufgaben geben, weil sie anscheinend wenig Hausaufgaben in der Schule kriegen. Abends sollen sie normalerweise auch lernen, aber bisher gestaltet es sich ein bisschen schwierig, sie dafür zu motivieren. Deswegen haben wir jetzt einen Punkteplan eingeführt. Wer sich ans Programm mit allen Freuden und Unannehmlichkeiten hält kann 2 Punkte am Tag gewinnen. Kleinere Abzüge gibt es für Streitereien, unvollständiges Bearbeiten von Aufgaben usw; Kinder die nicht in die Schule gehen, kriegen gar keine Punkte für den Tag. Insgesamt kann man 12 Punkte erreichen (also für alle Tage außer Sonntag) und ab 10,5 gibt es am Ende der Woche eine Belohnung von uns – natürlich etwas zu essen! Dieses System ist noch in der Anlaufphase, aber ich denke mit ein bisschen Geduld und Durchhaltevermögen können wir es schaffen. Einige Kinder sind uns dabei auch eine große Hilfe; sie freuen sich Aufgaben zu kriegen und machen daraus kleine Wettbewerbe, wer schneller rechnen oder besser lesen kann. So spornen sie die anderen Kinder an und motivieren auch uns, nicht aufzugeben.

Auch mein Trommelprojekt nimmt immer mehr Form an. Mittlerweile habe ich eine große Djembé, fünf Kleine, ein kleines Balafon und eine Kalebasse besorgt. Jetzt fehlen nur noch Basstrommeln, aber die scheinen hier äußerst schwer erhältlich und dazu noch teuer zu sein. Vielleicht muss ich mich da doch mit Plastikkanistern zufrieden geben :) Heute wird nun auch der erste Tag sein, wo ich versuchen werde, den Kindern ein richtiges Stück beizubringen und ich hoffe sehr, dass sie mit zuhören werden, obwohl die meisten von ihnen besser spielen können als ich. Ich werde euch auf jeden Fall von den Fortschritten berichten und kann eventuell auch mal ein Video reinstellen! Colin plant derweil, ein PC-Projekt für die Größeren zu starten. Er will ihnen beibringen, wie man mit der PC-Tastatur und grundlegenden Dingen wie Textverarbeitungsprogrammen umgehen kann, damit sie für Studium und Beruf schon erste Kenntnisse gewonnen haben. Dieses Projekt werden die Jungs sicher mit sehr viel Begeisterung annehmen!

Manchmal ist es schwer, sie für Unbekanntes wie neue Spiele zu gewinnen. Sie gucken dich an mit skeptischen Blick, verschränkten Armen, geben den einen oder anderen gehässigen Kommentar von sich. Dann heißt es allen Mut zusammennehmen und sich nicht vom Geplanten abbringen lassen. Die Methode klappt meistens und am Ende haben alle Spaß wie zum Beispiel hier beim Toaster Spielen: Die Kinder stellen die Figur „kotzendes Känguru“ nach  Und auch das Malen bereitet ihnen viel Freude; jede Wand der Fondation ist mit ihren Malereien, die ziemlich bunt und lebensfroh ausschauen, behängt.

Für solche Spielereien haben Colin und ich mittwochs und freitags Zeit. Mittwochs müssen die Kinder nachmittags (15h-17h) nicht zur Schule, samstags zumindest in den öffentlichen Schulen den ganzen Tag nicht. Die anderen Tage sind die Kinder viel zu sehr mit Schule, Hausaufgaben und Arbeiten im Haushalt beschäftigt, als dass noch Raum für Spiele wäre, obwohl jeweils einer von uns beiden drei Mal in der Woche bis um 22h in der Fondation bleibt. Aber keine Sorge – das klingt anstrengender, als es ist. Wenn man will, kann man sich zurückziehen und sich ein wenig von den Raufbolden erholen. Die Zeit geht doch eigentlich immer schnell vorbei.

So, und weil ich jetzt zur Arbeit muss berichtete ich erst beim nächsten Mal vom WG-Alltag, kaputten Duschen, dem ersten Malaria-Fall, das Problem der Freunde-Suche und Wasserfällen in Kpalimé. Ich hoffe, es geht euch allen gut! Ich vermisse euch! Eure Sarah

Posted By: Sarah
Last Edit: 14 Okt 2010 @ 06:17 PM

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 01 Okt 2010 @ 10:13 AM 

„Könnt ihr mir sagen, was wir tun können? Was wir tun können, damit die Kinder bleiben?“ Ich schaue Grand Frère mit großen Augen an, ratlos. Vor etwa zwei Wochen sind fünf Kinder abgehauen. Wir gehen kurz raus, Eis kaufen, hieß es, dann waren sie weg. Vier von ihnen waren nicht einmal eine Woche da, einer gerade zwei Monate. Ich weiß noch, wie Grand Frère sie aufgenommen hat. Er hat sie gefragt, ob sie wirklich bereit sind zu bleiben, den Hof zu fegen, sich zu waschen, das essen  zu teilen und vor allem zur Schule zu gehen. Sie waren alle einverstanden und jetzt sind sie weg. Anfang letzter Woche ist Thomas zu uns gekommen – frisch aus dem Gefängnis, ein Dieb. Kein Gefährlicher, ich konnte mich gut mit ihm unterhalten und er hat mir versichert, dass er bei uns keine Dummheiten begehen würde. Donnerstagmorgen ist auch er abgehauen. Mit einem E-Piano, das für die donnerstäglichen Gebetssessions benutzt wurde, Schulsachen der anderen Kinder, Anziehsachen und Geld. Diese Aktion hat mir zu verstehen gegeben, dass die Kinder lieb sind, man mit ihnen spielen und lachen kann, aber tatsächlich nicht weiß, was in ihren Köpfen vorgeht. Wir kennen ihre Geschichte nicht, ihre Wünsche, ihre Ängste, wissen letztlich nicht, was sie ausmacht und warum sie fliehen, wenn sie in der Fondation doch alles haben, was sie brauchen. Haben sie tatsächlich alles? Ich meine ja: Einen sicheren Ort, ein Bett zum Schlafen, die Möglichkeit, die Schule zu besuchen, drei warme Mahlzeiten am Tag, Menschen, die sich um sie kümmern…Doch Grand Frère berichtigt mich da. Was die Kinder am meisten lieben, ist die Freiheit. Geld stehlen, es für Videospiele ausgeben, Essen stehlen und so viel essen, bis man sich nicht mehr bewegen kann, und dafür vielleicht in kauf nehmen, dass es am nächsten Tag nichts gibt. Nicht zur Schule gehen müssen. Es gibt einige Kinder bei uns, die morgens  vortäuschen zur Schule zu gehen, um nach einer halben Stunde zurückzukehren, weil der Lehrer sie angeblich aus irgendeinem Grund weggeschickt hat. Nicht angemeckert werden, wenn man eine Dummheit begangen hat. Versuchst du es im ruhigen Ton, mit milder Strafe, meinen sie, sie kommen immer mit weniger als einem blauen Auge davon. Wenn du die Kinder zurechtweist, anschreist, die Strafe zu hart ist, besteht die Gefahr, dass sie fliehen. Ein schwieriger Balanceakt!

Colin und ich wollen, dass die Kinder bleiben und, weil wir wissen, dass sie nichts lieber mögen als essen, haben für sie am Samstag, ihrem freien Tag, Yamswurzel, geriebene Erdnüsse und geräucherten Fisch für Fufu mit Erdnusssoße mitgebracht. Normalerweise gibt es keine so große Essensauswahl. Entweder Nudeln mit Tomatensoße, Reis mit Tomatensoße oder Pate mit Tomatensoße. Deswegen haben sie sich anfangs riesig über unsere Mitbringsel gefreut. Es wurde aber relativ schnell klar, dass wir nicht genügend Yam mitgebracht haben, sodass beim Essen eine Stille der Unzufriedenheit herrschte. Was für ein trauriges Bild! Beim nächsten Mal wollen wir es auf jeden Fall besser machen!

Das Musizieren klappt dafür aber umso besser. Bisher habe ich eine Djembe und eine Kalebasse gekauft (Kostenpunkt: ca. 40€). Vielleicht kann ich ein paar Djemben mehr besorgen und ein richtiges Musikprojekt mit den Jungs aufbauen. Ich könnte ihnen Stücke beibringen, sie selbst könnten sich aber auch welche ausdenken. Daran hätten alle viel Freude!

Letzte Woche waren Grand Frère, Colin und ich in Notse, um Schulmaterialien zu verteilen. Notse liegt etwa 100 Kilometer nördlich von Lomé und ist mit dem Bus in gut zwei Stunden erreichbar. Dahin führt eine durchweg gerade, asphaltierte Straße – natürlich gebaut von den Deutschen, erzählt man uns. (Viele Togolesen haben mir gesagt, dass deutsche Ware als Qualitätsware betrachtet werde, wohingegen die französische in ihren Augen nicht viel tauge. Woran das liegen mag?)

 Die Schulmaterialien gingen an etwa 30 Kinder aller Klassenstufen und werden jedes Jahr neu verteilt. Ohne sie könnten die Kinder nicht am Unterricht teilnehmen, weil die Lehrer sie wieder nach Hause schicken würde.  Deswegen sind die Spenden der Fondation für viele Kinder sehr wichtig. Sie selbst finanziert diese Spenden durch Eigenkapital und Spenden von Privatpersonen, dem Ministerium für soziales oder Freiwillige wie Colin und mir, die Spendenzirkel aufgebaut haben. Dieses Wochenende werden wir weitere Schulmaterialien in Lomé selbst verteilen.

Für die Zukunft gibt es noch einige Projekte und Vorhaben, von denen ich beim nächsten Mal berichten werde! Falls es bestimmte Dinge gibt, über die ihr mehr wissen wollt, könnt ihr mir gerne schreiben! Ich habe jetzt auch eine Postadresse: Sarah Arewa, 04 BP 128, Lomé 04, Adidogome, Togo

Bis bald

Eure Sarah

Posted By: Sarah
Last Edit: 01 Okt 2010 @ 10:13 AM

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 19 Sep 2010 @ 3:06 PM 

„Ça fait combien?“ Und ab jetzt heißt es handeln. Wer sich als Yovoyovo (Weißer) auf den Straßen Lomés Gemüse, Früchte, Kosmetikartikel und co. kaufen will, sollte sich darüber im Klaren sein, dass ihm die Sachen eher selten zum „prix d’ami“ angeboten werden. Aber auch das Handeln lässt sich wie alles andere lernen, wenn man Regeln wie „alle Preise erst einmal durch drei teilen“ beherzigt.

Die Stände an den Straßenrändern und auf den Köpfen der Frauen habe ich vom ersten Tag an zu schätzen gelernt,  denn die Supermarchés sind viel zu teuer zum Einkaufen und dazu nicht so zahlreich und so einfach zu jeder Uhrzeit zu erreichen.

Überhaupt scheint ein Großteil der Bevölkerung rund um die Uhr seiner Arbeit nachzugehen, sei es nun Orangen verkaufen, Taxifahren (ein sehr lukratives Geschäft, da kaum ein Mensch hier ein privates Gefährt besitzt) oder Schlösser reparieren. Es kommt einem fast so vor, als gäbe es ein keine klaren Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit; fast scheint die Arbeit das Leben zu sein, dem man jeden Tag vergnügt nachgeht – Und das stets im Freien. Das Leben hier spielt sich auf den Straßen ab. Kaum einer hält sich tagsüber im Haus auf. Draußen wird verkauft, Chukuchu (ein lokales Bier) getrunken, Essen und Wäsche gemacht, Fußball gespielt. Taxis und Taximotos machen das Bild einer geschäftigen Stadt perfekt.

Umso mehr kann man sich vorstellen, was für eine beängstigende Stille und Leere auf den Straßen Lomés in Monaten wie diesen herrschen kann. Es ist September und allmählich beginnt die Regenzeit, die die ohnehin schon schlecht befahrbaren Sandstraßen in eine Landschaft reißender Flüsse verwandelt. Erst als ich gesehen habe, wie lange und heftig es hier regnen kann, habe ich verstanden, warum so wenig Straßen hier asphaltiert sind. Die Böden sind wie Schwämme, die das Regenwasser nach sehr kurzer vollständig aufgenommen haben. Ohne sie würde Lomé wahrscheinlich jeden Tag eine Jahrhundertflut erleben.

Vor einer Woche hat der Regen Colin und mich daran gehindert, von der Arbeit nach Hause zu fahren. Gestern hat er uns daran gehindert überhaupt zur Arbeit zu kommen. Denn bei den Regenmassen ist kein Taximotofahrer bereit, einen irgendwohin zu fahren, egal ob schwarz oder weiß. Wir denken, dass die Kinder im Heim dafür Verständnis haben; sie kennen die Probleme, die durch den Regen entstehen ja besser als wir und sind außerdem allesamt sehr lieb.

Colin und ich haben letzten Montag mit unserer Arbeit mit ihnen angefangen und sind begeistert, wie gut diese Kinder erzogen sind, obwohl sie alle einige Zeit auf der Straße verbracht haben. Natürlich würde ich niemals meine Kamera oder andere Wertgegenstände für sie zugänglich aufbewahren, weil sich der Drang zu stehlen tief in ihren Köpfen verankert hat. Und dennoch: Es sind insgesamt 18 Jungen, von denen ein Großteil nicht älter als 12 ist. Sie teilen sich zwei Zimmer mit insgesamt acht Betten, waschen sich und putzen ihre Zähne,  gehen zur Schule (eine Pflicht, wenn man Teil des Heims sein möchte!), machen ihre Hausaufgaben, während einer von ihnen für alle kocht. Dann fegen sie den Hof, räumen auf, waschen ab, um sich danach endlich mit Fußball und anderen Spielereien zu vergnügen. Diese Jungs sind wirklich bemerkenswert und haben uns sehr freundlich aufgenommen. Jeden Morgen begrüßen uns zwei von ihnen, noch bevor wir das Tor zum Heim geöffnet haben. Ich fühle mich wohl bei ihnen.  Vor allem das gemeinsame Musizieren macht besonders Spaß. Die kleinen sind  musikalisch ziemlich begabt und können Dinge von der Straße, die andere jahrelang in der Schule gelernt haben. Leider musizieren wir gerade noch auf Plastikkanistern. Ich habe mich aber schon nach Djemben (eine bestimmte Art von Trommeln) auf dem Grand marché umgeschaut und werde demnächst welche besorgen.

Das Heim existiert jetzt seit etwas mehr als fünf Jahren und wurde von Madame Abitor, einer togolesischen Pastorin und in Westafrika sehr bekannten Gospelsängerin gegründet.  Es ist relativ klein, besteht aus einem Hof und einem Gebäude mit zwei Schlafzimmern für die 18Jungs, einem Wohnzimmer, einem Bad und einer „Küche“ (Kochstelle wird dem vielleicht eher gerecht). Paul ist 15 Jahre alt und am längsten im Heim; auf ihn hören alle Jungs, wenn Grand Frère, Erzieher im Heim und unser äußerst liebenswürdiger Mentor, nicht da ist, was öfter mal der Fall ist. Es gibt noch zwei ältere Jungs, aber die sind beide  erst seit drei Tagen da; der Rest ist 10,11 und 12 Jahre alt.

Erstaunlich finde ich, dass die meisten der Kinder noch beide Elternteile besitzen. Die wenigsten haben ihre Eltern durch Krankheiten wie AIDS verloren, sondern sind von zu Hause geflohen, weil die Eltern geschieden sind und der neue Lebensgefährte der Mutter oder des Vaters das Kind nicht akzeptieren will.  Grand Frère hat uns erzählt, dass das für sehr viele Straßenkinder Lomés gilt, was ich wirklich erschreckend und traurig finde!  Da sie von ihrem zu Hause so verstoßen worden sind, ist es umso wichtiger, ihnen im Heim das Gefühl zu geben, dass sie geliebt werden und wichtig sind, damit sie irgendwann mal was werden, wie Grand Frère immer sagt. Ich hoffe, dass Colin und ich das hinkriegen, unsere Vorgängerinnen Aisha und Yara haben schon einen sehr großen Teil dazu beigetragen!

So, und nun muss ich mal schauen, wann ich diesen Artikel hochladen kann, weil ich nur noch mit W-LAN ins Internet gehen möchte, weil ich mir mit meinem Stick schon sehr viele Viren auf den PC geholt habe!

Ich habe jetzt auch eine togolesische Handynummer: 00228/7657255

Vielen Dank für eure Kommentare vom letzten Mal. Ich freue mich immer, wenn ihr mir Fragen zu meinen Texten stellt!

Posted By: Sarah
Last Edit: 19 Sep 2010 @ 03:06 PM

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 06 Sep 2010 @ 10:47 AM 

Sechs Uhr morgens. Zeit zum Aufstehen, länger kann ich eh nicht schlafen. Der Hahn ist ziemlich pünktlich, die Musikbox, die erst um 3h morgens Ruhe gegeben hat, ebenfalls, sodass Colin und ich uns jeden Morgen mit einem Lachen begrüßen, weil wir gar nicht glauben können, wie laut es um die Uhrzeit schon sein kann.

Bis jetzt sind wir fünf Freiwillige in Lomé, bis Dienstag noch in einem „Hotel“ für knapp 7€ die Nacht untergebracht. Nächste Woche verlassen die „alten“ Freiwilligen ihre Projekte, dann geht’s auch für uns richtig los. Bis dahin gehen wir mit Monsieur Sani, unserem Mentor, und seiner ausgesprochen herzlichen Nichte Ida (22) auf Erkundungstour.

Lomé ist eine riesige Stadt, ich glaube kaum, dass wir bisher einen nennenswerten Bruchteil von ihr gesehen haben, obwohl wir den ganzen Tag unterwegs sind. Morgens Kaffe und Brot in der Bar nebenan, abends lokales Bier irgendwo in der Peripherie, tagsüber  Fufu bei Idas Familie.

Idas Familie hat wie die meisten Menschen hier nicht viel Geld, aber sie scheint trotzdem gut durchzukommen, hat einen Hof mit „Küche“, zwei Schlafzimmern und ein paar Hühnern, die Möglichkeit, alle vier Kinder zur Schule zu schicken, sind wohlgenährt und zufrieden.  Begrüßt hat sie uns mit Fufu, Brei aus Yamswurzel, mit Erdnusssoße. Colin durfte sogar bei der aufwendigen Zubereitung helfen, während ich mich mit Idas Schwester, Giselle, beim Abwasch vergnügt habe.

Das Wasser dafür zapfen sie an einem Brunnen und bewahren es in einem Erdloch auf; auch Regenwasser wird aufgefangen und als Trinkwasser benutzt. Ich frage mich, ob das gesund für uns ist; die Familie aber erfreut sich bester Gesundheit, bis auf Idas 4-jähriger Bruder, der Malaria hat. Das geht aber wieder vorbei, sagen sie uns unbesorgt.

Für mich ist Idas Familie eine Musterfamilie: Sie hat eine Unterkunft, genügend zu essen, Bildung wird ganz groß geschrieben. Ida selbst hat dieses Jahr ihr Bac bestanden. Tatsächlich habe ich mich schon an das schwierige Thema SIDA herangewagt und herausgefunden, dass auch AIDS-Prävention sehr wichtig für die Familie ist. In Lomé scheint dieses Thema weniger ein Tabu zu sein, seit etwa zehn Jahren gibt es eine riesige Anti-AIDS-Kampagne („C’est ma vie“), die das Stadtbild prägt: Riesige Werbeplakat mit Botschaften wie „Ich bin zu jung für Sex und bleibe lieber abstinent“, „weniger Partner, weniger Risiken“, „Das Kondom – mein Beschützer“ und „Redet mit euren Kindern über AIDS“.  Das scheint mir eine gute Kampagne zu sein; die Frage ist nur, wie sehr sie fruchtet. Zumindest bei Idas Familie zumindest hat es geklappt. Ich werde aber das Gefühl nicht los, dass sie für Togos Bevölkerung nicht repräsentativ ist. Ich warte auf kleine Kinder, die mich mit traurigen Augen anbetteln, Invaliden, die apathisch am Straßenrand sitzen, Slums mit tausenden von Einwohnern. Gibt es hier sowas überhaupt? Das will ich heute mit aller Vorsicht versuchen herauszufinden; M. Sani kann mir da sicher weiterhelfen.

Togos Küste ist übrigens sehr schön und war für mich bisher das Beeindruckendste. Am Strand scheint eine Dauer-Party zu herrschen mit viel billigen Essen, Musik, Tanz und einer Menge geschickter Diebe. Gestern hat der Netzanbierter „Moov“ eine riesige Promotion mit Bühne, DJ, Frauen in knapper Kleidung und Beachvolleyball gestartet. Jetzt sind wir immerhin alle mit Telefonkarten (für knapp 2€ das Stück) ausgestattet.

Gestern Abend gab’s für uns noch einmal Fufu in einem Restaurant. Das war aber nicht so liebevoll zubereitet wie bei unserer Ida und hat von uns deswegen den Titel „Fast Fufu“ bekommen; war aber auch ganz lecker und vor allem billig: Für reichlich Essen und Trinken für 7 Mann, haben wir knapp 8€ (5000 CFA) bezahlt.  Es ist unglaublich, wie reich der Europäer hier ist!

So, und nun werde ich ins Internet-Café gehen, das hier posten und schauen, was der Tag für uns bereithält :)

Posted By: Sarah
Last Edit: 06 Sep 2010 @ 10:47 AM

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